BlogSinn #28

Spiritualität und Lebenssinn: Wieviel Individualität steckt in Gott? 

Der Trend zur Individualisierung des Gottesbezugs zeigt sich in der vermehrten Zuwendung der Menschen zu spirituellen Praktiken und Strömungen, die entweder auf christlichen Traditionen und Wurzeln basieren oder auf Alternativen wie dem Buddhismus, der Kabbala, der Mystik, der Esoterik oder der Vereinigung von Natur und Spiritualität. Der Gottesbegriff und -bezug wandelt sich zunehmend vom traditionellen Begriff des strafenden, aber gütigen Gott hin zu einem Gott, verstanden als universelles Wesen oder kosmischer Intelligenz, die allem Lebenden und Materiellen innewohnt und sich aus uns heraus verwirklicht – bishin zur völligen Auflösung des Gottesbegriffs im Buddhismus als eine Manifestation von stiller Bewusstheit oder als ein Sinnbild für bestimmte Bewusstseinszustände.

Auch werden der persönliche Bezug zu Gott und die damit verbundenen Formen der Kommunikation und des Glaubens immer individueller und unabhängiger von festgelegten, tradierten Formen des Gebets, der Liturgie oder religiöser Riten. Gott und dessen subjektive Interpretation wird dabei in einer ganz persönlichen Form angerufen und angesprochen, die darin gipfeln kann, entweder sich selbst als göttliches Wesen zu erkennen, oder sich selbst als eins mit Gott oder gottgleich zu erleben. Das Gespräch mit Gott kann dabei autosuggestive Kraft entwickeln und zu einer Stabilisierung und Stärkung – oder Überhöhung – des eigenen Selbstbildes und Selbstwertes führen. Gott wird zunehmend nicht mehr nur als Schöpfer und die Menschen als Geschöpfe bezeichnet, sondern der Mensch selbst erlebt sich als Schöpfer seiner Wirklichkeiten und gewinnt einen Glauben an sich selbst, der sich mehr und mehr von der Fremdbestimmtheit christlicher Theologien und – trotz eines glaubwürdigen Franziskus – von deren geistlichen Vertretern löst.

Der Bezugspunkt verlagert sich mehr und mehr von Gott zum eigenen Bewusstsein, sich selbst als Teil eines übergeordneten Bewusstseins zu sehen – ob mit religiösen, spirituellen, kosmischen oder naturalistischen Orientierungen: Die Menschen erleben sich gleichzeitig als einzigartig göttlich und als miteinander eins und verbunden. Diese Lebensorientierung würdigt einerseits die Einzigartigkeit, Autonomie und Selbstbestimmtheit der eigenen Persönlichkeit und schätzt andererseits die wechselseitige Abhängigkeit und Verbundenheit mit anderen Menschen, Lebewesen, natürlichen und geistigen Dimensionen.

Wir sind frei, selbstbestimmt und individuell, dabei untrennbar eingebettet in ein vernetztes, geistig-soziales Bewusstsein, dass von uns allen Austausch, Offenheit, Toleranz und Verantwortung erfordert. Die Frage nach Gott oder nach dem kollektiven Bewusstsein ist somit eine Frage nach unserer persönlichen Sinnhaftigkeit und sozialen Zugehörigkeit in einer Welt, die wir auf einzigartige und selbstbestimmte, aber auch nachhaltige und verantwortungsvolle Art und Weise selbst gestalten können – oder anders: Immer schon auf diese Weise gestaltet haben.

Letztlich ist es wichtig, dass wir einen individuellen Weg für uns finden, der uns Selbstvertrauen, Sinn und den Glauben an uns und unsere Fähigkeiten gibt und uns erlaubt, eigeninitiativ und aktiv die Welt und unser Umfeld zu gestalten. Ein Weg, der uns zudem erlaubt und ermöglicht, miteinander Formen der offenen, achtsamen und friedvollen Begegnung zu entwickeln, in denen die persönliche, soziale und kulturelle Unterschiedlichkeit nicht nur toleriert, sondern auch als Wert für die eigene Weiterentwicklung und Auseinandersetzung mit sich selbst gesehen wird.

„Ein Freund ist jemand, der die Freiheit hat, zuzustimmen oder nicht.“ (Paul Ferrini)

…und vergiß (daher) nie den Wert Deiner Freiheit!

Dein Sascha

1 Kommentar

  1. „Wenn eine Gans sich einen Gott erdichtet, dann muss er schnattern.“
    Michel de Montaigne

    Schöne Grüsse aus der http://www.freidenker-galerie.de
    Rainer Ostendorf

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