BlogSinn – Prämissen

Lebensführung, Lebensqualität und Lebensstile

Vor dem Hintergrund langfristig wirksamer, tiefgreifender Wandlungsprozesse, sog. „Megatrends“ wie z.B. dem Wandel der Arbeit, der Globalisierung, der Alterung und der Individualisierung (Horx, 2011) wird die Tendenz zur selbstbestimmten Lebensführung in Deutschland beeinflußt durch eine Vielzahl struktureller und soziokultureller Veränderungen in unserer Gesellschaft:

  • Demographische Veränderungen in der Altersstruktur der deutschen Bevölkerung
  • Veränderungen in der Sozialstruktur: Weg von klassischen Sozialmilieus hin zu individuellen Lebensstilen bei gleichzeitig schrumpfender Mittelschicht
  • Veränderung der klassischen Familienstrukturen: Weg von Kleinfamilie hin zu Patchwork- bzw. Netzwerkfamilien
  • Veränderung der Normalbiographien hin zu mehrphasigen Biographien mit zahlreichen Brüchen und krisenhaften Übergängen
  • Individualisierung der Lebensentwürfe

Ergänzt werden diese strukturellen und gesellschaftlichen Veränderungsprozesse von Veränderungen in der Arbeitswelt, z.B. durch den Ausbau flexibler Arbeitszeiten, Arbeitsorganisationen und Arbeitsverhältnisse – lebenslange Beschäftigungsverhältnisse und kaminartige Karrieren in nur noch einem Unternehmen gehören der Vergangenheit an. Der mit der Demographie und dem wirtschaftlichen Wachstum einhergehende Fach- und Führungskräftemangel erhöht die Produktivitätserwartungen an die immer besser ausgebildeten und kontinuierlich weiterzubildenden Mitarbeiter in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen. Gleichzeitig verstärkt sich die Vielfalt individueller Lebensläufe, weil gerade die besonders gut ausgebildeten, leistungs- und entwicklungsorientierten Talente, Fach- und Führungskräfte immer mehr – auch selbständige – Optionen für die Karriereentwicklung und Gestaltung der eigenen Laufbahn besitzen und nutzen werden (Stichwort „Meconomy“).

Auf der Ebene der soziokulturellen Werte orientieren sich Menschen in der Lebensführung verstärkt an Werthaltungen der

  • Effizienz, Produktivität und Leistung,
  • Nutzen, Verwertbarkeit und Pragmatismus sowie
  • Selbstbestimmung, Entfaltung und Wahlmöglichkeiten.

Dem stehen Rückzugstendenzen gegenüber, die mit der Suche nach Zugehörigkeit und Geborgenheit verbunden sind. Zudem entwickeln sich mehr und mehr Orientierungen in Richtung

  • Work-Life-Balance,
  • Entschleunigung und Rückbesinnung sowie
  • Sinnerfüllung und Nachhaltigkeit.

Zusammen mit neuen Wertekombinationen, die individualisierte Motive der Entfaltung und Selbstbestimmung mit Werten wie Familie, Sicherheit und Leistung miteinander verbinden, entstehen neue sozial gehobene Leitmilieus (Sinus Sociovision, 2010) und Lebensstile (Dziemba & Wenzel, 2011) in Deutschland, die zukünftig – und schon jetzt – Treiber der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Veränderung in Deutschland sein werden.

Die deutschen Leitmilieus kennzeichnen sich aus durch (Sinus Sociovision, 2010):

  • Liberal-aufgeklärte Grundhaltungen mit dem Wunsch nach selbstbestimmten Leben, Authentizität und vielfältigen intellektuellen Interessen (Liberal-intellektuelles Milieu, 7% der deutschen Bevölkerung)
  • Effizienzorientierter, global-ökonomischer Leistungs- und Avantgarde-Anspruch (Milieu der Performer, 7%)
  • Stark individualistischer, unkonventioneller Anspruch mit stetiger Suche nach Grenzüberwindung und Veränderung (Expeditives Milieu, 6%)
  • Verantwortungs- und Erfolgsanspruch bei gleichzeitiger Tendenz zu exklusiver Abgrenzung und Rückzug (Konservativ-etabliertes Milieu, 10%)

Die Lebensstilkonzeption des Zukunftsinstituts (Dziemba & Wenzel, 2011) sieht u.a. folgende Lebensstile im Jahr 2020 als Innovatoren der gesellschaftlichen Veränderung:

  • Silverpreneure (ca. 4,2 Mio. der deutschen Bevölkerung): Lebenslanges Lernen und berufliche Aktivität im dritten Lebensabschnitt selbstverständlich, weiterhin erwerbstätig und/oder ehrenamtlich tätig, wissensdurstig und an immateriellen Werten interessiert.
  • VIB-Familien („Very-Important-Baby“; ca. 1,7 Mio.): Späte Elternschaft als logischer und konsequenter Anschluss an die erfolgreiche Karriere; hoher Bezug zu Natur und Spiritualität, extrem qualitätsorientierte Konsumenten, aufgeschlossen für Gesundheits- und Selbstoptimierungsprodukte.
  • Latte-Macchiato-Familien (ca. 1,9 Mio.): Junge Starter-Eltern von 25-34 Jahren, Leben im urbanen Raum; nachhaltiger Konsum, Affinität zu Yoga, Meditation und Wandern; berufliche und private Selbstverwirklichung.
  • Tiger Ladies (ca. 2,8 Mio.): Selbstbewusste Frauen um die 40 Jahre in Politik, Wirtschaft und Kultur; Unternehmensgründerinnen, Hauptverdiener, Mütter in neuen Partnerschaftsformen und Rollenmustern; kritisch, stilorientiert und wohlhabend.

Allen übergeordnet scheint ein Lebensstil zu entstehen, der von Werten nach Gesundheit und Nachhaltigkeit geprägt ist, ein durch das Streben nach Sinn- und Selbstverwirklichung und persönlichen Erlebnissen motivierter, authentischer und ganzheitlicher Lebensstil, dem sog. „Lifestyle of Health and Sustainability“ (LOHAS). Dieser Lebensstil der Gesundheit und Nachhaltigkeit ist darauf ausgerichtet, in Verbindung mit der Natur und der Gesellschaft die persönliche Lebensqualität und das psychische Wohlbefinden zu steigern (Glöckner et al., 2010).

Auf der Ebene der Dienstleistungen und Services werden zunehmend umfassendere Lösungen zur Erleichterung und Vereinfachung des Lebensalltags nachgefragt. Kunden und Konsumenten wählen bewusster und kritischer das aus, was ihren tatsächlichen individuellen, identitätsstiftenden  Lebensmotiven, Werten und Bedürfnissen entspricht:

  1. Die Pluralisierung und Flexibilisierung der Lebensentwürfe führen zu vielfältigen, sehr unterschiedlichen Möglichkeiten der Lebensgestaltung und Karriereplanung, die sich von früheren, klassischen Lebensplänen – durch Schicht- und Milieuzugehörigkeit grundlegend vorgegeben – fundamental unterscheiden. Die Entscheidung für die individuelle Lebensplanung und -führung wird zur Sinnfrage: „TUE ICH DAS FÜR MICH RICHTIGE?
  2. Die Ausrichtung der Lebensführung an Nachhaltigkeit, Sinnstiftung und einem harmonischen Umgang mit der Natur rückt in den individuellen Entscheidungen und Handlungen die Frage der Verantwortung und das Gebot der Mitverantwortung für die mittel- und langfristigen Auswirkungen in einer als komplex wahrgenommenen Umwelt in den Vordergrund. Die Lebensplanung und -gestaltung wird zur Gewissensfrage: „TUE ICH ES RICHTIG?“ und „TUE ICH DAS RICHTIGE FÜR ANDERE?

Der individuellen Entscheidungsfreiheit steht eine Vielzahl zum Teil unüberschaubarer Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten gegenüber, die verstärkt zu psychischen Belastungen führen bzw. führen können. Neben psychischen Erkrankungen durch Zeit- und Leistungsdruck und Burnout-Phänomenen steigt die ständige Angst, sich falsch zu entscheiden und etwas zu verpassen, und treibt immer mehr – insbesondere junge Menschen – in eine Identitäts- und Sinnkrise (Stichwort „Quarterlife-Crisis“). Sich die Zeit zu nehmen und sein Leben immer wieder bewusst und gezielt neu auszurichten, unterstützt suchende und sich selbstverwirklichende Menschen dabei, von Sinn- und Lebenskrisen weitestgehend verschont zu bleiben.

Die selbstkritische Reflexion der eigenen Persönlichkeit und Lebensführung hat dabei den Fokus auf die auch als „Selfness“ (Horx, 2011) bezeichnete sozio-individuelle Kompetenz gerichtet, sich selbst im Kontext seiner sozialen Beziehungen und Lebenswelten bewusst und ganzheitlich – körperlich, seelisch und geistig – weiterzuentwickeln und zu verwirklichen. Sie verfolgt das Ziel, das gesamte persönliche Potential als ein sozial und individuell bewusst lebender Mensch sinnvoll zu entfalten und sozial verträglich einzusetzen. Dies beinhaltet u.a. (Horx, 2011)

  • die Fähigkeit, die eigenen Talente zu verstehen und gezielt zu entwickeln,
  • die Fähigkeit, persönliche Krisen bewusst zu erleben und gestärkt aus ihnen hervorzugehen,
  • die Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu erkennen und nach sinnvollen Alternativen zu suchen
  • sowie die Fähigkeit, sich als bewusstes Individuum offen, fair und interessiert mit anderen zu verbinden.

 Betriebliches Gesundheitsmanagement im Allgäu

Ausgehend von einem ca. 80%-igen Anteil männlicher Führungskräfte (79,9%) bei mittelständischen Allgäuer Unternehmen (Quelle: Wirtschaftsauskunft- und Inkasso-Unternehmen Creditreform Kempten, 2011) und eines aktuellen Anteils älterer Beschäftigter von 50-64 Jahren von 26,1% (Quelle: Jahresstatistik Allgäu 2013) entwickelt sich im Allgäu bis 2031 eine fortschreitende Überalterung in der Altersstruktur, ein zunehmender Wettbewerb um junge Nachwuchskräfte und ein steigender Fachkräftemangel vor allem in technischen Berufsfeldern und im Gesundheitsbereich.

Sieben von zehn Berufstätigen sind laut TK Stressstudie 2012 gestresst, jeder Vierte steht sogar unter Dauerdruck. Die „Top Ten“ der Stresstreiber im Job sind zu viel Arbeit, Termindruck, unfreiwillige Arbeitsunterbrechungen, Informationsflut, schlechte Arbeitsplatzbedingungen, ungenaue Anweisungen, ungerechte Bezahlung, mangelnde Anerkennung, Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die ständige Erreichbarkeit auch nach Feierabend. Jeder dritte Stressgeplagte hat zudem Angst davor, beim Arbeitstempo nicht mehr mithalten zu können. Eine Befürchtung, die mit steigendem Alter immer weiter zunimmt. Besonders gestresst sind die Angestellten – von ihnen sind sogar acht von zehn gestresst.

Auch Führungskräfte sind Menschen mit persönlichen Stärken, Schwächen und Grenzen. Sie spüren Ungleichgewichte zwischen Anforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten – psychisch wie körperlich – ebenso wie ihre Mitarbeiter. Eine vom Wirtschaftsforum der Führungskräfte 2012 beauftragte Studie hat ergeben, dass 59% der Manager unter Stress, 52% unter Bewegungsmangel und 42% unter Gewichtsproblemen leiden. 25% gaben aktuelle Gesundheitsprobleme an. Jeder siebente Manager fühlte sich von Burnout gefährdet oder litt aktuell darunter. Führungskräfte sind daher selbst eine wichtige Zielgruppe für Gesundheitsförderung (Quelle: Themenpapier Führung 2012, Österreichisches Netzwerk Gesundheitsfördernder Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen).

Und sie sind in mehrfacher Hinsicht wichtig für die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter am Arbeitsplatz. Durch ihre Entscheidungen und ihr Führungsverhalten gestalten sie das Teamklima, die Arbeitsabläufe und Arbeitsbedingungen wesentlich mit und wirken nicht zuletzt als Vorbild, an deren Verhalten sich die Belegschaft orientiert. Sie sind daher mehr als ihre Mitarbeiter verpflichtet, ihre eigene persönliche Balance und Stabilität durch ausreichende Erholung und den Erhalt ihrer Erholungsfähigkeit sicherzustellen und die eigene Führungskompetenz beständig weiter zu entwickeln (Quelle: Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V.).

Von den Menschen, die über mangelnde Anerkennung, zu wenig Handlungsspielraum und Konflikte mit Kollegen oder dem Vorgesetzten klagen, fühlt sich jeder zweite Betroffene ausgebrannt, etwa jeder Fünfte von ihnen leidet unter niedergedrückter Stimmung oder sogar Depressionen (Quelle: TK Stressstudie 2012). Eine Langzeitstudie zeigt, dass in den vergangenen zwölf Jahren die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen um 62 Prozent gestiegen ist (Quelle: DAK Gesundheitsreport 2013).

In der öffentlichen Diskussion wird immer deutlicher hervorgehoben, dass aufgrund der Zunahme krankheitsbedingter Fehltage in Betrieben und der explodierenden Kosten im Gesundheitssystem ein Paradigmenwechsel ansteht, von der „Finanzierung der Krankheit“ zur „Investition in die Gesundheit“ (Zitat Dr. Gerd Müller, MdB, 2. Allgäuer Präventions-Fachkonferenz Juli 2013). Die Prävention, die „eigentliche Domäne der Kneipp-Therapie“ (Zitat Heinz Leuchtgens, Präsident des Kneippärztebunds, 2009) für die Gesundheit der Mitarbeiter und Führungskräfte gewinnt somit angesichts explodierender Gesundheitskosten immer mehr an Bedeutung.

Berufstätige Menschen verbringen einen bedeutenden Teil ihrer Lebenszeit am Arbeitsplatz, an dem psychosoziale und körperliche Faktoren große Auswirkungen auf die Gesundheit haben können. Um das Wohlbefinden und die Gesunderhaltung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu erhalten, rückt das Thema “Betriebliches Gesundheitsmanagement” mehr und mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Sascha Maurer wurde von Herrn Bernhard Seidenath, Leiter des Arbeitskreises für Gesundheit und Pflege der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, zu einem Werkstattgespräch zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement in Bayern am Donnerstag, 04. Dezember 2014 eingeladen. Der Arbeitskreis für Gesundheit und Pflege der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag möchte zusammen mit Fachleuten aus Forschung und Praxis konkrete Handlungsoptionen seitens der Politik sowie parlamentarische Initiativen zur Verbesserung der Gesundheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern erarbeiten.

Das Themenpapier zum Arbeitskreis „Gesundheit und Pflege“ von Sascha Maurer finden Sie hier: MyLifeTalents_Themenpapier zum Arbeitskreis Gesundheit und Pflege_Sascha Maurer 04.12.2014

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